Ȇber Optimismus
und Pessimismus; über das 20. Jahrhundert und viele andere
Themen«
»Dum spiro spero! [Solange ich atme,
hoffe ich!]«
Wäre ich einer der Himmelskörper, so würde ich
völlig unbeteiligt auf diesen elenden Ball von Staub und
Schmutz herabblicken, Ich würde die Guten und die Schlechten
in gleichem Maße bescheinen - aber ich bin ein Mensch. Die
Weltgeschichte, die für dich kaltherzigen Genießer
der Wissenschaft, für dich, du Buchhalter der Ewigkeit, nur
ein unbedeutender Augenblick im Kommen und Gehen der Zeiten ist
- für mich bedeutet sie alles! So lange ich lebe, werde ich
für die Zukunft kämpfen, die strahlende Zukunft, in
der der Mensch, stark und schön, Herr über den dahineilenden
Strom der Geschichte sein wird, um seine Wasser dem grenzenlosen
Horizont der Schönheit, der Freude und des Glückes entgegenzuführen!
Das neunzehnte Jahrhundert hat in vieler Hinsicht die Hoffnungen
des Optimisten erfüllt, noch öfter aber enttäuscht.
Es hat ihn gezwungen, die meisten seiner Hoffnungen auf das zwanzigste
Jahrhundert zu übertragen. Immer dann, wenn der Optimist
einer scheußlichen Tatsache gegenüberstand, rief er
aus: Was, und das kann an der Schwelle des zwanzigsten Jahrhunderts
geschehen! Wenn er von der harmonischen Zukunft wunderbare Bilder
malte, so war die Szenerie immer die des zwanzigsten Jahrhunderts.
Und nun ist dieses Jahrhundert gekommen! Was hat es gleich zu
Beginn gebracht?
In Frankreich - den Giftschaum des Rassenhasses , in Österreich
- nationalistische Streitigkeiten...; in Südafrika - den
Todeskampf eines winzigen Volkes, das von einem Riesen hingemordet
wird ; auf der >freien< Insel selbst - Triumphgesänge
an die siegreiche Gier chauvinistischer Geschäftemacher;
dramatische >Komplikationen< im Osten! Rebellionen hungernder
Volksmassen in Italien, Bulgarien, Rumänien...Haß und
Mord, Hungersnot und Blut...Es scheint so, als ob das neue Jahrhundert,
dieser gigantische Neuankömmling, vom ersten Augenblick seines
Erscheinens an nur darauf aus wäre, den Optimisten in einen
völligen Pessimismus und ein bürgerliches Nirwana hineinzutreiben.
- Nieder mit der Utopie! Nieder mit dem Glauben! Nieder mit der
Liebe! Nieder mit der Hoffnung! donnert das zwanzigste Jahrhundert
inmitten der Gewehr- und Kanonensalven.
- Ergib dich, du sentimentaler Träumer. Hier bin ich, dein
lang erwartetes zwanzigstes Jahrhundert, deine >Zukunft<.
- Nein, erwidert der ungebeugte Optimist: Du - du bist nur die
Gegenwart.
Entnommen dem Auswahlband: »Denkzettel,
Politische Erfahrungen im Zeitalter der permanenten Revolution«;
hg. von Isaac Deutscher, George Novack und Helmut Dahmer, edition
suhrkamp 1981. Deutsch von Harry
Maor.
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Das war Prof. Dr. Harry Maor. Mensch, Lehrer, Wissenschaftler. Und Übersetzer (z. B. der Trotzki - Biographie von Isaac Deutscher) Er starb 1982 in Tel Aviv, Israel |